Wirecard

Ermittler erhöhen Druck auf verbliebene Vorstände

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Die Wirecard AG hatte vier Vorstände, als das Unternehmen Ende Juni zusammenbrach. Seither bestimmt in der Zentrale im Münchner Vorort Aschheim Insolvenzverwalter Michael Jaffé das Geschehen. Ex-Chef Markus Braun sitzt in Untersuchungshaft. Jan Marsalek, der Mann für das operative Geschäft, ist international zur Fahndung ausgeschrieben und wird in Russland vermutet.

Die Bilanzfälschungen bei Wirecard dürften der größte Skandal der deutschen Wirtschaftsgeschichte sein. Gläubiger und Anleger haben Milliarden verloren. Die Staatsanwaltschaft München verdächtigt seit Juli auch Finanzchef Alexander von Knoop und Produktvorständin Susanne Steidl der Bilanzfälschung, Marktmanipulation und des Betrugs.

Beamten ermitteln seit Neuestem auch wegen mutmaßlicher Untreue gegen. Trotzdem gehen beide Vorstände nach wie vor ihrer Arbeit nach - und bei Wirecard ein und aus, wie Mitarbeiter berichten. Die Staatsanwaltschaft äußert sich nicht zum Stand der Ermittlungen.

Kollegen sehen von Knoop und Steidl regelmäßig in der Kaffeeküche und bei Meetings. Manche beschreiben die Szenen als gespenstisch. Gerade beim Finanzchef stellen sich viele Fragen. „In den meisten Terminen sitzt er nur teilnahmslos da“, sagt ein Wirecard-Manager. Ein anderer meint: „Rational zu begründen ist das nicht. Das ist Irrsinn.“

Weder von Knoop noch Steidl haben öffentlich je ein Wort über das gesprochen, was unter ihrer Verantwortung bei Wirecard ablief. Die 50-jährige Steidl ist seit 2006 im Unternehmen, 2017 übernahm sie die Führung des US-Geschäfts, 2018 zog sie in den Vorstand ein.

Der ein Jahr jüngere von Knoop begann 2005 als interner Revisor bei Wirecard, 2014 wurde er Vorstand der Wirecard Bank, 2018 Vorstand in der Wirecard AG.

Es gibt Mitarbeiter in München, die bei Steidl eine ehrliche Absicht vermuten. „Ihr ist es wichtig, für ihre Mitarbeiter da zu sein und sie zu unterstützen“, sagt ein Kollege. „Steidl führt viele Gespräche“, ergänzt ein zweiter. Andere sind skeptischer. Es mag ja sein, dass die beiden weiter ins Büro kommen möchten, sagen sie. Aber warum lässt man die umstrittenen Vorstände rein?

Es ist eine Frage, die sich auch der Aufsichtsrat von Wirecard schon gestellt hat, wie Insider berichten. Bereits vor mehreren Wochen debattierte das Kontrollgremium demnach darüber, ob die beiden Vorstände, die nun in den Fokus der Staatsanwaltschaft rücken, abberufen werden sollten.

Warum nichts passierte, ist unklar. Die Aufseher geben keine Stellungnahme ab. Selbst der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende Wulf Matthias, der seit Anfang 2020 nicht mehr Chef des Kontrollgremiums ist, beruft sich auf die Vertraulichkeitsvereinbarung.

Bei Beobachtern sorgt das Vorgehen für Unverständnis. „Der Aufsichtsrat kann Vorstände bei Vorliegen wichtiger Gründe abberufen“, erklärt Governance-Experte Christian Strenger. „Da der Wirecard-Finanzvorstand von Knoop zumindest für die in 2020 erfolgten hohen Zahlungen aus den Kreditlinien an asiatische Adressen verantwortlich war, liegt hier wohl eindeutig eine Notwendigkeit zur Abberufung vor.“

Auch Insolvenzverwalter Jaffé äußert sich nicht zu Personalien. Insider berichten, dass Jaffé zu Beginn seiner Arbeit bei Wirecard einige Schwierigkeiten hatte, sich überhaupt zurechtzufinden. Das Unternehmen wankte schon Monate vor der Insolvenz. Wer konnte, kündigte. Es ist ein übliches Phänomen bei Krisenunternehmen, dass die Mitarbeiter, die am besten Bescheid wissen, zuerst gehen.

„Von Knoop sollte Jaffé über das komplizierte Finanzgeflecht von Wirecard aufklären“, berichtet eine mit den Vorgängen vertraute Person. Dem neuen Vorstandschef James Freis, ein von der Deutschen Börse eingekaufter Jurist, fehle schlicht das Wissen über Wirecard. Experten aus dem mittleren bis höheren Management waren schon nicht mehr da, als Freis kam.

Doch auch wenn Jaffé den Finanzvorstand brauchte, vertrauen wollte er ihm nicht, berichten Insider. Anfangs habe der Insolvenzverwalter den Finanzvorstand um Informationen gebeten, dafür aber direkt die Entscheidungsgewalt über Finanzfragen abgenommen. Inzwischen sei von Knoop komplett kaltgestellt.

Von Knoop übernahm sein Amt 2018 von Burkhard Ley. Der ehemalige Manager der Kölner Privatbank Sal. Oppenheim und Finanzvorstand von Kirch New Media galt als grundsolide, als er 2006 Finanzvorstand von Wirecard wurde. Unter seiner Führung expandierte der Zahlungsdienstleister nach Asien und baute dort ein sogenanntes Drittpartnergeschäft auf, das heute als mutmaßlicher Haupttatort gilt. 2017 stellte Ley auf einer internationalen Investoren-Roadshow von Knoop als seinen Nachfolger vor. Heute sitzt Ley in Untersuchungshaft.

Die zentrale Frage für die Ermittler ist nun: Was wusste von Knoop? Ein hochrangiger Wirecard-Manager beschreibt von Knoops Buchhaltung als „chaotisch“. Manche Mitarbeiter erzählen dagegen, von Knoop sei ernsthaft bemüht gewesen, Licht in die verschlossenen Bereiche der Wirecard-Bilanz zu bringen.

Konkurrenten von Knoops zweifeln, dass die massiven Manipulationen an der Bilanz von Wirecard ohne Wissen des Finanzvorstands geschahen. So stellten sich angebliche Guthaben in Höhe von 1,9 Milliarden Euro auf den Philippinen als Luftbuchung heraus. „Wenn ich ein Viertel meines Cash-Bestands bei einer anderen Bank hinterlege, dann kenne ich den Vornamen der Frau des Vorstands“, sagt ein Top-Banker einer deutschen Privatbank.

Es sei „völlig unverständlich“, dass sich von Knoop bei den Treuhandkonten offenbar auf Saldenbestätigungen aus Marsaleks Zuständigkeitsbereich verlassen habe, statt unterjährige Transaktions- und Kostenaufstellungen einzusehen.

„Ich kenne keinen Finanzvorstand, der akzeptiert, dass der operative Vorstand die Bilanzierung des eigenen Bereichs übernimmt. Entweder, der CFO war völlig unfähig. Oder er wusste mehr.“

Die „Süddeutsche Zeitung“ zitierte im Juli aus einem Anhang eines Sonderprüfberichts von KPMG. Demnach rügten die Wirtschaftsprüfer, dass bei Wirecard über fragwürdige Kredite an Firmen in Asien und über eine Briefkastenfirma auf Mauritius hohe Summen abflossen. Zudem habe sich Wirecard im ersten Halbjahr dieses Jahres weitere 800 Millionen Euro von Banken geliehen.

Mehrere Wirecard-Insider bestätigen diese Darstellung. 2020 habe der Vorstand einen dreistelligen Millionenbetrag für dubiose Partnerfirmen in Asien freigegeben, in Form von Krediten mit „lächerlichen Konditionen“. Niemand im Vorstand habe eine Gegenstimme erhoben.

Die Staatsanwaltschaft München äußert sich nicht dazu, ob sie gegen von Knoop und Steidl Haftbefehle erwog oder erwägt. Auch eine vom neuen Vorstandschef James Freis mit der forensischen Datensicherung beauftragte Beratungsgesellschaft fand heraus, dass von Knoop unter anderem noch im Februar 2020 einen Kredit über zehn Millionen Euro an dubiose asiatische Partner freizeichnete. Die Staatsanwaltschaft prüft wegen mehrerer Überweisungen wie dieser den Verdacht der Untreue.

Ins Büro kommt er trotzdem. Tag für Tag erscheint Alexander von Knoop in der Wirecard-Zentrale, in der er nichts mehr zu entscheiden hat. Das Schauspiel wird in den Teeküchen von Wirecard rege diskutiert. „Ich hätte meine Aufgaben längst niedergelegt“, sagt ein Mitarbeiter, der tiefen Einblick in die derzeitige Aufarbeitung bei Wirecard hat. „Knoop und Steidl haben in der Praxis nichts mehr zu sagen, nichts mehr zu gewinnen.“

Das allerdings, so meinen Compliance-Experten, sei nur die halbe Wahrheit. Die Wirecard-Vorstände mögen nichts mehr zu gewinnen haben. Sie können aber viel verlieren. Es ist einem Vorstand nicht möglich, seinen Posten einfach so niederzulegen. Würde ein Vorstand zur Unzeit zurücktreten, könnte die Gesellschaft ihn auf Schadensersatz in Anspruch nehmen.

Im Falle von Wirecard könnte eine Unzeit darin liegen, dass mit einem Ausscheiden der verbleibenden Vorstände auf einen Schlag zu viel historisches Wissen über das Unternehmen verloren ginge. Vorstandschef Markus Braun sitzt in Haft, seine rechte Hand Jan Marsalek ist flüchtig. Wen wollte Insolvenzverwalter Jaffé noch nach Details fragen, wenn auch die beiden anderen Vorstände gehen?

Arbeitsrechtlich kann er über die Zukunft von Knoops und Steidls ohnehin nicht entscheiden. Für die Abberufung des Vorstands bleibt der Aufsichtsrat auch in der Insolvenz des Unternehmens zuständig. Der Aufsichtsrat ist dabei verpflichtet, stets im Unternehmensinteresse zu handeln. Je gravierender und belastbarer Hinweise auf mögliches strafbares Fehlverhalten sind, desto geringer ist der Spielraum des Gremiums, den Vorstand im Amt zu belassen.

Auch diese Weisung hat allerdings ihre Grenzen. Sollte der Insolvenzverwalter einen Vorstand für unverzichtbar in der Aufarbeitung von Finanzkennzahlen halten, kann dessen Verbleib ebenfalls im Interesse des Unternehmens sein. In drei Monaten freilich stellt sich auch diese Frage nicht mehr. Zu Silvester 2020 laufen die Verträge Steidls und von Knoops aus.

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